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Mirjam Schaub: Die Lust am Wildern in fremden Theoriegefilden
TEIL 4



Anmerkungen:

1 Die Kürze verlangt eine thesenhafte Zuspitzung des Gegenstandes, die im Fall von Michel de Certeaus Denken noch nicht einmal unangemessen erscheint, weil der Autor selbst die großen Linien des Diskurses wie der Polemik zu schätzen scheint. Ich will die Zuspitzung hier mit Ideen eines einzigen Buches versuchen, die L'Invention du quotidien/Die Erfindung des Alltäglichen, besser bekannt unter dem Untertitel: Arts de faire/Kunst des Handelns (frz. LdF/dt. KdH) Berlin: Merve, 1980 in der Übersetzung von R. Voullié.

2 Zugegeben, der Begriff geistert in vielerlei Hinsichten durch das Buch: So sind es nicht einfach die zwischen Kaufzwang und Kaufrausch hin- und hergerissenen Menschen einer hochindustrialisierten postkapitalistischen Ära, sondern ebenso die Leser und Leserinnen des 18. und 19. Jahrhunderts; aber auch die Ausgegrenzten, Unterjochten, Deklassierten, wie zum Beispiel die von den Spaniern kolonialisierten und christianisierten Indianerstämme Südamerikas. All diese Konsumenten ganz unterschiedlicher Provenienz eint das Moment des scheinbar Reaktiven. Sie leben in einer 'vorgebenen' Situation. Genau diese Beschränkung ist Voraussetzung für die Möglichkeiten jener 'unsichtbaren' Form von "Fabrikation", "Produktion" oder "Poesis" (alle KdH, 13), für die sich de Certeau interessiert.

3 Das Buch von Sun Tze über die Kriegskunst wird von de Certeau mehrfach lobend erwähnt. – Vgl. de Certeau (KdH, 65).

4 De Certeaus Umgang mit Theoretikern, die sich explizit auf Praktiken und ihre Bedeutung für die Menschen beziehen, ist durchaus parteiisch zu nennen. Wie so viele vor und nach ihm, krankt seine Auseinandersetzung mit dem Denken des frühen Wittgenstein an einer hoffnungslosen Überschätzung. Wer die Diktion seiner Anhänger bis zum heutigen Tage kennt, wird keineswegs de Certeaus optimistische Einschätzung teilen, derjenige Philosoph, der sich der 'Alltagssprache' verschreibe, gebe damit schon alle Herrschaftsansprüche und jedwede Diskurshoheit auf (vgl. HdK, 50). Insbesondere der total künstliche Charakter der von Wittgenstein gewählten Beispielen – dieser sogenannten 'Alltagssprache', ihre ganze Konstruiertheit und Zurechtgestutztheit –, gerät bei de Certeau gar nicht erst in den kritischen Blick, so sehr ist er bemüht, Wittgensteins Kritik gegen die Prätentionen des (damals) herrschenden Wissenschaftsbetriebs stark zu machen. Auffällig ist auch, daß de Certeau, der Wittgenstein und Freud überaus freundlich bespricht, mit den Ikonen des eigenen Landes weit ungnädiger verfährt. Lévi-Strauss und insbesondere Foucault werden harsch kritisiert. (Dazu gleich mehr.)

5 Um ein Beispiel für diesen Sachverhalt zu geben: Jemand, der gerade selber das Schwimmen lernt, ertrinkt, wenn er das, was er gerade tut, zugleich noch erklären soll.

6 "Der Deckmantel, den Bourdieus 'Theorie' über die Taktiken wirft, als ob er deren Feuer löschen wollte, indem er ihnen Fügsamkeit gegenüber der sozio-ökonomischen Rationalität bescheinigt, oder als ob er an ihnen einen Trauerarbeit verrichten wollte, indem er sie für unbewußt erklärt, sollte uns irgendeinen Aufschluß über ihr Verhältnis zu jedweder Theorie geben." – De Certeau (KdH, 127).

7 "Diese Texte Bourdieus sind anziehend durch ihre Analysen und abstoßend durch ihre Theorie. (...) Die feinsinnigen Beschreibungen der béarnaiser und kabylischen Taktiken münden plötzlich in niederschmetternden Wahrheiten – als ob ein derartig scharfsinnig untersuchter Komplex das brutale Gegengewicht einer dogmatischen Vernunft benötigte." – De Certeau (KdH, 127).

8 ... wenn man denn Pierre Bourdieus, Niklas Luhmanns oder Michel Foucaults Arbeiten überhaupt unter einem Oberbegriff wie diesem zusammenrücken möchte.

9 Interessanterweise äußert 1977 Gilles Deleuze in einem François Ewald übergebenen Brief ähnlich Kritik an Foucault. (Der Text wird allerdings erst 1984 unter dem Titel Désir et plaisir veröffentlicht werden.) Was Deleuze der Foucaultschen "Mikro-Analyse der Macht" vorwirft, ist, daß sie im Grunde gar nicht mehr in Termini von Macht begreifbar ist. Was mit ihrer Hilfe analysiert wird, ist etwas viel Einfacheres, Schlichteres: Die Mikro-Analyse stößt, so Deleuze, auf "agencements de désir" auf "Gefüge von Begehren". Was Deleuze vorschlägt, ist etwas doppeltes: Zum einen versucht er den Begriff der "Mikrophysik" ernster als Foucault zu nehmen, den Begriff der Macht indes leichter. Statt Mikrophysik zieht Deleuze den Terminus der "Dispositive" oder der "Gefüge" vor. Zum anderen aber schreibt er dem Begriff der Macht selbst nicht nur eine andere Funktionsweise, sondern auch eine andere Genealogie zu. Immer wieder betont Deleuze: Die "Gefüge" heterogenen Begehrens seine primär, sie seien die "Grundbestandteile" jeder Mikroanalyse. Pouvoir/Macht sei nur mehr eine "Affektion", angerührt, angeregt, angereichert, angestoßen durch einen sehr wirkmächtigen Zusammenschluß unterschiedlicher "Begehrungen". – Vgl. Gilles Deleuze, "Désir et plaisir", in: Magazine littéraire, Nr. 325, Okt. 1994, dt. "Begehren und Lust", übers. v. Joseph Vogl, in: Gilles Deleuze – Fluchtlinien der Philosophie, hg. v. Friedrich Balke und Joseph Vogl (Hg.), München: Fink, 1996, S. 230-240.

10 So sei das Interesse des Pöbels am 'Fest der Martern' u.a. auch dadurch motiviert, daß es hören will, was der Verurteilte zu sagen hat in diesem letzten Augenblick, "in welchem nichts mehr verboten und strafbar ist" (ÜS, 79). Foucault konstatiert: "Es gibt in diesen Hinrichtungen, welche die Schreckensgewalt des Fürstens kundtun sollten, etwas Karnevaleskes, das die Rollen vertauscht, die Gewalten verhöhnt und die Verbrechen heroisiert." – Foucault (ÜS, 79).

11 G. de Mably, De la législation (1789): "Die Strafe soll, wenn ich so sagen darf, eher die Seele treffen als den Körper".

12 Aber sagt nicht Foucault in Überwachen und Strafen, daß die neuen Disziplinierungstechnologien "auch all die Kräfte bewältigen [müssen], die sich mit einer Bildung einer organisierten Vielfalt formieren; sie muß die Wirkungen der Gegenmacht neutralisieren, die der herrschenden Macht Widerstand entgegensetzen: Unruhen, Aufstände, spontane Organisationen, Zusammenschlüsse – alle Formen horizontaler Verbindung"? – Foucault (ÜS, 282).

13 Michel Foucault, Nietzsche, die Genealogie, die Historie (NGH), in: ders., 1971, Von der Subversion des Wissens. Hrsg. und aus dem Fanzösischen und Italienischen übers. von Walter Seitter. Mit einer Bibliographie der Schriften Foucaults. Frankfurt/M 1991, 83–109.

14 Foucaults Umwertung des nietzscheanischen Genealogie-Begriffs setzt in seinem Aufsatz Nietzsche, die Genealogie, die Historie (NGH) mit einer Revision jener Annahmen ein, die ein Historiker gewöhnlich macht: (1) Geschichte wird von Menschen gemacht (Verursacherprinzip); (2) Geschichte springt nicht. Alles entwickelt sich folgerichtig auseinander (Kontinuitätsprinzip). Kausalität und Kontinuität gelten als die beiden zentralen Entwicklungsgesetze in der Geschichte (Evolutionen statt Revolutionen); (3) die Indifferenz der Betrachterperspektive (objektiv, nicht interessengeleitet, frei urteilend) gilt als ausgemacht, die Verpflichtung des Historikers auf Zurücknahme und Überparteilichkeit scheint einlösbar. Demgegenüber entwirft Foucault das Bild vom Genealogen als Gegenbild zum Historiker. Im selbem Zug baut er den G.-Begriff zu einem Instrument aus, welches seine – oft als wirklichkeitsfremd eingestufte – These von den epistemischen Brüchen und Ungereimtheiten stützen soll, ohne sie zu kitten. Erst die durch die Genealogie ermöglichte Zugleichbetrachtung zeitlich weit auseinanderliegender Ereignisse und die gleichzeitige Entrückung nahestehender Geschehnisse überfliegt und überspringt den von Foucault immer wieder in seiner Radikalität gefeierten Epochenbruch. Mit seiner Genealogie projektiert Foucault eine Art "unmögliche Wissenschaft vom einzigartigen Wesen" (Roland Barthes, Die Helle Kammer, 81), vom Ereignis, vom Singulären, Akzidentellen, Zufälligen, eine neue Art des Denkens, das jedes Ursprungsdenken hinter sich gelassen hat: "Dem komplexen Faden der Herkunft nachgehen heißt vielmehr festhalten, was sich in ihrer Zerstreuung ereignet hat: die Zwischenfälle, die winzigen Abweichungen oder auch die totalen Umschwünge, die Irrtümer, die Schätzungsfehler, die falschen Rechnungen, die das entstehen ließen, was existiert und für uns wert hat. Es gilt zu entdecken, daß an der Wurzel dessen, was wir erkennen und was wir sind, nicht die Wahrheit oder das Sein steht, sondern die Äußerlichkeit des Zufälligen". – Foucault (NGH, 74).

15 "Durch das Gefängnis versichert man sich einer Person, man bestraft sie nicht" – Foucault (ÜS, 154). Oder: "Der Gedanke einer Straf-Gesellschaft und einer allgemeinen Zeichentechnik der Bestrafung, der von der 'Ideologie' Beccarias und Benthams inspiriert wurde, verlangte nicht unbedingt den universellen Einsatz des Gefängnisses" (ÜS, 328). Vgl. zur Kritik der Reformer an der "Dysfunktionalität der Macht" ÜS, 101ff.; zur Postulierung von Analogie-Strafen, z.B. durch Vermeil, s. ÜS, 134f., 146f.

16 In den Augen der meisten aufklärerischen Reformer ist das Gefängnis "insgesamt unvereinbar mit der ganzen Technik der Straf-Wirkung, der Straf-Vorstellung, der allgemeinen Straf-Funktion, des Straf-Zeichens und Straf-Diskurses. Es ist Finsternis, Gewalt, Verdacht." – Foucault (ÜS, 147).

17 Allerdings scheint de Certeau aus naheliegenden Gründen auf den immer wieder von Foucault bemühten Vergleich mit dem klösterlichen Zeitmanagement und dem Aufbau von Jesuitenkollegs nicht eingehen zu wollen (vgl. ÜS, 181, 184).

18 Gilles Deleuze, Foucault (F), Paris: Minuit, 1986; dt. ders., Foucault, übers. v. Hermann Kocyba, Frankfurt/M.: Suhrkamp, 1987.

19 Deleuze folgt Foucault darin, "daß es diskursive Beziehungen zwischen der diskursiven Aussage und dem Nichtdiskursiven gebe. Er behauptet jedoch niemals, daß das Nichtdiskursive auf eine Aussage reduzierbar sei [...]. [D]ie Aussage besitzt das Primat, wir werden sehen, warum: Niemals jedoch bedeutet das Primat [des Sagbaren/l'énonçable] eine Reduktion [des Sichtbaren/le visible] [...]. [D]ie Sichtbarkeiten [bleiben] irreduzibel auf die Aussagen, sie sind um so irreduzibler, als sie im Vergleich zur Aktivität eine Art von Passivität zu verkörpern scheinen." – Deleuze (F, 71f.).

20 Im Unterschied zum Sagbaren ist das Sichtbare nicht auf sukzessive Aktualisierung angewiesen. Anders als sprachliche Zeichen sind Bilder nicht exoreferentiell. Alles, was an ihnen bedeutsam ist, ist auch sichtbar, unmittelbar, in all seinen Momenten gegeben. "Es gibt niemals ein Geheimnis, obgleich nichts unmittelbar sichtbar oder direkt lesbar ist" (F, 85). Deshalb haben auch bei Foucault "[d]ie Orte der Sichtbarkeit [...] nie denselben Rhythmus, nie dieselbe Geschichte oder dieselbe Form wie die Aussagenfelder, und der Primat der Aussage gilt nur insoweit, als er auf etwas Irreduzibles einwirkt. [...] Foucault war stets ebenso fasziniert von dem, was er sah, wie von dem, was er hörte oder las und die Archäologie, so wie er sie begriff, stellt ein audiovisuelles Archiv dar". – Deleuze (F, 72f.) [i. O. kursiv].

21 Dt. Michel Foucault, "Dies ist keine Pfeife", München: Hanser, 1996.

22 "Das Publikum meint sogar, Grausamkeiten zu sehen, die gar nicht stattfinden." – Foucault (ÜS, 145).

23 Wenn de Certeau von Withold Gombrowiczs Anti-Helden, von Musils Mann ohne Eigenschaften oder dem 'gemeinen Mann' aus Freuds Unbehagen in der Kultur spricht, schwingt immer auch mit, daß es "mikroskopische" aber "zahllose (...) Verbindungen" gibt zwischen den in den Alltagspraktiken vorgenommenen "Manipulationen" am sozio-ökonomischen Gesamtsystem und dem daraus resultierenden verbotenen "Genießen" (joissance würde Lacan sagen): "Sie verstehen", zitiert er Gombrowicz, "ich mußte (...) zu den nahezu unsichtbaren, kleinen Freuden Zuflucht nehmen, zu den Nebensächlichkeiten – Sie haben keine Vorstellung davon, wie bedeutend man durch diese kleinen Details wird" (zit. nach KdH, 31 f.). Und schließlich: "wenn man nicht das hat, was man liebt, muß man lieben, was man hat." – de Certeau (zit. nach KdH, 31).

24 Foucault arbeitet an der Entwicklung einer politischen Anatomie des menschlichen Körpers, die auf einem komplexen Zusammenspiel der Größen Körper–Politik–Wissen–Macht–Kraft gründet. Unterwerfung wird, laut Foucault, "nicht allein durch Instrumente der Gewalt oder der Ideologie erreicht; sie kann sehr wohl direkt und physisch sein, Kraft gegen Kraft ausspielen, materielle Elemente einbeziehen und gleichwohl auf Grausamkeiten verzichten; sie kann kalkuliert, organisiert, technisch durchdacht, subtil sein, weder Waffen noch Terror gebrauchen und gleichwohl physischer Natur sein. Es kann also ein 'Wissen' vom Körper geben, das nicht mit der Wissenschaft und ihre Funktionen identisch ist, sowie eine Meisterung seiner Kräfte, die mehr ist als die Fähigkeit zu seiner Besiegung; dieses Wissen und diese Meisterung stellen die politische Ökonomie des Körpers dar." – Foucault (ÜS, 37).

25 Vgl. Michel Foucault, "Zum Begriff der Übertretung" ("Préface à la transgression", in: Critique, Aug., Sept./1963) in: ders., Schriften zur Literatur, übers. v. Karin von Hofer, München: Nymphenburger Verlagshandlung, 1974, S. 69-89.

26 Man könnte sagen, was für Foucault der Diskurs ist, ist für Bourdieu der Habitus. Beide decouvriert de Certeau als 'Fetische', als Begriffe, die ihre eigene Genealogie verschleiern um den Preis ihrer Anwendung auf die unterschiedlichsten Phänomene.

27 Am Beispiel des Bourdieus Habitus erklärt de Certeau , wie Bourdieu mit dem Begriff "das Gegenteil dessen [bekräftigt], was er weiß" (KdH, 128). Er entfache mit seiner Hilfe einen Diskurs, "der verbirgt was er weiß (und nicht das, was er nicht weiß)" (ibid., 129). An einer Wendung wie dieser kann man de Certeau ganze theoretische Umwertungs- und Neubesetzungskunst erkennen. Denn damit, so de Certeau, "praktiziert" der Diskurs, "das, was er weiß" (ibid.).


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