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Mirjam Schaub: Die Lust am Wildern in fremden Theoriegefilden
TEIL 3


De Certeaus Umgang mit Pierre Bourdieu

De Certeau geht mit Pierre Bourdieu pfleglicher um, als mit Foucault. Er widmet ihm die genauere und subtilere Kritik. Beide Denker markieren, wie er zugibt, "zwei Varianten der 'Machart' einer Theorie der Praktiken" (KdH, 132), doch finden sie sich "an den entgegengesetzten Polen dieses Feldes" (ibid.). Während sich Foucault für das Funktionieren von Praktiken, ihren Selbsterhalt und ihre Ökonomie interessiert, fragt Bourdieu nach der Genese, der Entstehungsgeschichte von Praktiken; allerdings erhalten beide wenig befriedigende Antworten auf ihre Fragen. Lobend hebt de Certeau hervor, daß sich beide "an der Grenze" angesiedelt haben und darum bemüht sind, "einen Diskurs über nicht-diskursive Praktiken" (ibid., 131) zu eröffnen. Während sich Wissenschaft genau hierfür – aus guten Gründen – gewöhnlich scheue und nur Diskurse über schon existierende Diskurse anzettele, müsse sie aber – nicht nur zur Selbstvergewisserung, sondern auch, um ihr Gegenstandsverhältnis zu klären – den Sprung wagen in jene 'gewaltige' "Exteriorität" (ibid., 129) des Noch-nicht-Diskursiven oder Per-se-nicht-Diskursivierbaren.

De Certeau ist hier dem Denken von Gilles Deleuze sehr nah, der zuletzt mit Félix Guattari in Was ist Philosophie? (1991) das notwendige Verhältnis der Philosophie zur Nicht-Philosophie postuliert hatte. Allerdings leistet Deleuze hier wiederum Foucault Schützenhilfe. Bereits Mitte der 60er Jahre war es Foucault, der mit dem schwärmerischen Terminus eines 'pensée du dehors' (in Auseinandersetzung mit der Literatur Blanchots) dazu aufgerufen hatte, sich diesem gewaltigen 'Außen' zu stellen und das Denken an seine Grenze zu führen, an die Grenze des Wahnsinns und an die Grenzen eines paradoxen Glaubens nach dem Tod Gottes. 25


"[Wenn eine Theorie] nicht mehr wie üblich ein Diskurs über andere Diskurse ist, sondern in eine Region vorstoßen will, in der es keinen Diskurs mehr gibt. Ein plötzlicher Ebenenwechsel, und der Boden der verbalen Sprache schwindet. Die theoretische Arbeit gerät an die Grenze des Bereiches, in dem sie normal funktioniert, wie ein Auto am Rande einer Steilküste. Jenseits davon liegt das Meer. Foucault und Bourdieu haben ihre Arbeit an dieser Grenze angesiedelt und einen Diskurs über nicht-diskursive Praktiken geführt. Sie sind nicht die ersten. [...] [S]eit Kant konnte keine Forschungsarbeit sich davon freimachen, mehr oder weniger direkt ihr Verhältnis zu dieser diskurslosen Aktivität zu erklären, zu diesem gewaltigen 'Rest', der durch das gebildet wird, was von der menschlichen Erfahrung nicht in der Sprache gezähmt und symbolisiert worden ist. Jede Einzelwissenschaft ist damit beschäftigt, diese direkte Konfrontation zu vermeiden. Sie gibt sich apriorische Voraussetzungen, um den Dingen nur in dem eigenen und begrenzten Bereich zu begegnen, in dem sie 'verbalisiert' werden können. Sie erwartet die Dinge mit einem Raster von Modellen und Hypothesen, in dem sie sie 'zum Sprechen bringen kann'; und dieser Apparat von Fragestellungen (so etwas ähnliches wie eine Jagdfalle) transformiert ihre Stummheit in 'Antworten', also in Sprache: das ist das Experiment. Die theoretische Fragestellung dagegen vergißt nicht und kann nicht vergessen, daß es außer dem Verhältnis dieser wissenschaftlichen Diskurse zueinander ihr gemeinsames Verhältnis zu dem gibt, was sie sorgfältig aus ihrem Bereich ausgeschlossen haben, um ihn zu konstituieren. [...] Die theoretische Fragestellung spielt sozusagen die Rolle der Antigone im Hinblick auf das, was vor der wissenschaftlichen Rechtsprechung nicht statthaft ist. Kontinuierlich bringt sie dieses Unvergeßliche in den wissenschaftlichen Bereich ein [...]." (De Certeau, KdH, 131f.)


Mit seinem Plädoyer für ein Denken eines dem Denken scheinbar 'äußerlichen', 'fremden', 'unaufdringlichen', 'ursprünglichen' und 'dunklen' Realität (vgl. ibid., 115) reiht sich de Certeau neben Barthes, Deleuze, Lyotard, Foucault in eine prominente französische Denktradition ein. In seiner Auseinandersetzung mit Bourdieu gelingen de Certeau allerdings darüber hinaus eine Reihe bemerkenswerter Zuspitzungen.

Er beschreibt zunächst die verzweifelten Eingemeindungsversuche, die Bourdieu dazu verleiten, seine ethnographischen 'Insel'-Studien über Kabylien und das Béarn in einer Lücke der soziologischen Forschung – der des Wissenserwerb – zu reterritorialisieren, um damit zugleich der Soziologie als Wissenschaft ein 'missing link' zurückzugeben. Zu diesen verzweifelten Versuchen zählt de Certeau etwa Bourdieus Strategien der Neugliederung der beobachteten Realität mithilfe von synoptischen Darstellungen und quantitativen Daten, die ihrerseits schon eine Auswahl und Nivellierung der Ereignisse darstellen (vgl. ibid., 117). Aber auch die Präferenz für eine Motivforschung, die sich aus dem Analogie-Gedanken speist, die seinerseits gerne als "der Antrieb der theoretischen Schöpfung" (ibid., 120), und nicht etwa von praktischen Tätigkeiten betrachtet wird, reiht de Certeau ein in seinen Befund. Er zeigt – ähnlich wie bei Foucault – die unheimliche Kohärenz einer Theorie auf (vgl. im folgenden KdH, 125), in der das konstruierte Modell einer unsichtbaren Wissens- und Verhaltens-Struktur sich in der vorausgesetzten Realität eines Habitus entäußert. Ähnlich wie der Diskurs bei Foucault dient Bourdieu der Habitus in de Certeaus Augen als Interpretationshilfe dazu, den tatsächlich beobachtbaren Fakten – Strategien bestimmter Gemeinschaften unter bestimmten Umständen, in gewissen Situationen – ein wasserdichtes theoretisches Modell überzustülpen. Der Habitus residiert im Innern von Bourdieus Modell einer klandestinen Wissensstruktur, einer "gelehrten Unwissenheit" (docta ignorantia) (ibid., 129), mit der das impliziten Wissen der Praktiker erfaßt werden soll.

Bourdieus Erklärungsmodell fußt – nach de Certeaus Einschätzung – auf der Motivationsforschung seiner Zeit: auf die beiden Größen Boden und Herkunft, auf eine Maximierung des Kapitals und auf eine möglichst reiche Entwicklung des Kollektivkörpers (vgl. ibid., 120f.). Insgesamt dominiert in Bourdieus Denken – so de Certeaus Diagnose – eine "Politik des Ortes" (ibid., 120), die sich aus dem fiktiven (oder auch "mystischen"), überaus "dogmatischen Ort" (ibid., 126) des Habitus speise, der sich nur mehr den "Anschein von Realität" (ibid.) geben könne. 26

Im Ausgang von diesen Beobachtungen postuliert de Certeau eine "doppelte Finte" auf Seiten der theoretische Wissenschaft wie der sogenannten Praktiker (gemeint sind hier die Empiriker) unter den Wissenschaftlern, die beide auf eine Nivellierung, wenn nicht sogar Zähmung der widerspenstigen 'Realität' aus sind:

Die Theorie verbirgt die "Machtoperationen, die sie möglich machen" (KdH, 117f.).

Die von den Empirikern gelieferten Erhebungsdaten sind ihrerseits schon ausgewählte Daten, die überdies durch das Raster der Quantifizierbarkeit zu Durchschnitts- und Mittelwerten geronnen sind (vgl. ibid., 118).


Allerdings will es de Certeau mit Blick auf Bourdieu damit nicht bewenden lassen. Man kann an der nun folgenden Textpassage exemplarisch sehen, welche Taktik, ja welche Form der Selbstunterhaltung und Selbstbeschäftigung de Certeau in Auseindersetzung mit Bourdieu anwendet. Er will nicht einfach bei dem ernüchternden und niederschmetternden Diktum stehen bleiben, daß die Arbeiten Bourdieus "anziehend" durch ihre ethnographischen Detailanalysen und "abstoßend" durch ihre übermächtige Habitus-Theorie sind (vgl. ibid., 126). "Um dieser abstoßenden Verführung zu entgehen, setze ich meinerseits voraus, daß in diesem Gegensatz etwas ganz Wesentliches zur Analysen von Taktiken enthalten sein muß" (ibid., 127). Dieses 'ganz Wesentliche' habe ich schon in meinen Eingangsthesen vorgetragen, es sei hier noch einmal wiederholt:

Die beste Strategie, die Realität selbst vor der 'Rationalität' zu schützen, besteht darin, den 'Deckmantel' (KdH, 127) einer nivellierenden Theorie über sie zu werfen, um sie weniger gefahrvoll erscheinen zu lassen. 27

Sehr beliebt ist seitens von Theoretikern die Schutzbehauptung – de Certeau spricht von "Schutzmaßnahme" (ibid., 128) –, jede Praktik sei gegenüber ihrem eigenen Funktionieren blind.


Beide Strategien führen nach de Certeaus Einschätzung zu einer Verkehrung des Ursache-Wirkungs-Verhältnisses in den Beziehungen von Theorie und Praxis. Es genügt de Certeau nicht, das alte Vorurteil – Theorien seien praxisfeindlich und Praktiken theorieresistent – zu bestätigen. Er spitzt diesen Befund zu, ja, kehrt seinerseits die Idee, Praktiken seien gegenüber ihrem eigenen Funktionieren blind um, wenn er nahelegt, wissenschaftliche Theorien projizierten unbewußt ihre eigenen Praktiken auf das Funktionieren jedweder anderen Praktik; zuallererst seien sie es, die gegenüber ihrem eigenen Funktioneren blind seien. Die Selbstvergessenheit der wissenschaftlichen Theoriebildung gegenüber ihren eigenen Absicherungs-Praktiken amüsiert de Certeau sichtlich.

Wenn Bourdieu über seine Kabylier und Béarnaiser sagt, daß das, was sie tun, mehr Sinn aufweise als das, was sie selbst darüber wüßten (vgl. KdH, 122), dann verweist das in den Augen de Certeaus auf die beliebte Paarung zwischen Unbewußtheit und Kohärenz, Stabilität und Territorialität, die ihrerseits das Funktionieren guter, d. h. erfolgreicher, durchsetzungsstarker 'Theorien' auszeichnet. Mit anderen Worten, Bourdieu beschreibt – mit seinem Habitus-Konzept, das sich ja gerade durch Unbewußtheit, Stabilität, Territorialität, kurz Kohärenz auszeichnet (vgl. KdH, 126), – weniger das tatsächliche Funktionieren von Praktiken, als – freilich unter anderen Namen – das Funktionsgeheimnis guter Theorien. Auch von ihnen läßt sich sagen, daß die Unbewußtheit ihren eigenen Entstehungs- und Erfolgsbedingungen gegenüber der Preis ist, den sie für ihre ach so schöne Kohärenz zu zahlen haben (vgl. KdH, 122). Im Namen der Unbewußtheit und der Kohärenz veranstalte die Wissenschaft ein "aufklärerisches Theater" (KdH, 129) mit den Praktiken, statt daß sie bereit wäre, ein bewußtes Verhältnis zu ihren eigenen Taktiken im Umgang mit ihrer eigenen "Exteriorität" (KdH, 129) einzunehmen; eine Exteriorität, die zugleich ihr 'innerstes Innere' wäre.


Summa summarum

Womöglich sind Praktiken gar nicht so diskursfeindlich und theorieempfindlich/-allergisch, wie zunächst angenommen. Womöglich wuchern sie wie Nachtschattengewächse gut im Verborgenen, doch sind sie weit weniger störanfällig, als es die Theorie mit ihrer Unwissenheitsunterstellung vermutet. Vor allem aber sind Theorien selbst ihrerseits Praktiken voller Finten, Taktiken und Strategien, ständig dabei, aus fiktiven und konstruierten Orten (d. h. hier: Begriffen, Beobachtungen, Paradigmen), Basisstationen für den eigenen Machterhalt zu errichten. Sie sind nicht weniger praktisch als alle sogenannten nicht-diskursiven Praktiken auch. Die Angst der Theorie vor der 'wilden' Realität oder dem 'wilden Sein' eines Merleau-Ponty etwa, mag zuletzt nichts anderes sein, als die Angst vor dem Blick in das Spiegelbild, das man nicht sogleich als das eigene erkennt. De Certeau schreibt an einer Umkehrung des Mythos des Narzissos. Die Nymphe Echo ist es, die Narzissos mehr als alles andere fürchten muß. Narzissos graut vor seinem Spiegelbild, er vermeidet den Blick, weil er fürchtet, ja weiß, daß er es nicht beherrschen kann. Er hält sich die Augen, nicht die Ohren zu. Das Murmeln Echos/des Diskurses verläßt ihn so bald nicht.
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