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TEIL 2


De Certeaus Umgang mit Foucault. Eine Erwiderung

"Macht [ist] keine Sache, die man innehat, kein Eigentum, das man überträgt; sondern eine Maschinerie, die funktioniert"
Foucault (ÜS, 229)

"Welcher Großsiegelbewahrer und Oberaufseher wird die Methodologie der Prüfung für die Humanwissenschaften verfassen?"
Foucault (ÜS, 290)



Bereits in seiner Allgemeinen Einführung kommt de Certeau auf Foucault zu sprechen, insbesondere auf Surveiller et Punir/Überwachen und Strafen. Die Geburt des Gefängnisses (ÜS), fünf Jahre vor Arts de faire erschienen. Zwar attestiert er Foucault, mit der Entwicklung seiner "Mikrophysik der Macht" (vgl. ÜS, 38, 40, 191) ein neues Feld der Beobachtung und der Kräfteausbreitung entdeckt zu haben, zugleich betont er aber auch jene Momente, welche die eigene Untersuchung nicht analog, sondern konträr zu Foucaults Absichten erscheinen lassen. Im folgenden werde ich erst de Certeaus Kritikpunkte vorstellen und im Anschluß eine Erwiderung versuchen:


Erster Vorwurf: Die Schwäche der Mikrophysik

De Certeaus größter Vorwurf: Foucault hat mit der Mikrophysik nicht ernst genug gemacht, er ist in seinen Denken nicht weit genug gegangen, letztlich war der doch zu beeindruckt vom Machtapparat der Institutionen. 9 Foucault selbst stellt diese Frage einmal, wenn er fragt: "Doch traut man den oft unscheinbaren Hinterlistigkeiten der Disziplin nicht zuviel zu, wenn man ihnen solche Macht zuspricht? Wie ist es möglich, daß sie so unabsehbare Wirkungen auslösen?" (ÜS, 251). Zumindest im ersten Teil seiner Untersuchung (Kap. I. Bestrafung, Kap. II. Marter) setzt sich der Autor intensiv mit dem 'minoritärem' Gebrauch der öffentlichen Hinrichtungen auseinander. 10 Es ist aber auch richtig, daß Foucault im Zuge der Umformung der Machttechnik in ein "Strafrecht des Körperlosen" (ÜS, 25) und eine dezidierte Mikrophysik – ca. um 1830 – diese subversive Kraft schwinden sieht. 11

De Certeau geht in seiner Polemik noch einen Schritt weiter, wenn er behauptet, daß die von Foucault entdeckte "observierende und disziplinierende gegenwärtige Technologie" als "Waffe zur Bekämpfung und Kontrolle von heterogenen Praktiken" (vgl. KdH, 110) verharmlost werde. 12 Er bestreitet nicht die Ausbreitung subtiler Überwachungstechniken im Zuge der scheinbaren Lockerung der Strafgewohnheiten einer Gesellschaft. De Certau bestreitet, daß die "Mikrophysik der Macht" wirklich effektiver, unentrinnbarer, unerbittlicher sein soll als die alte Makrophysik des Staates. Vielmehr will de Certeau erklärtermaßen "die untergründigen Formen ans Licht bringen, welche die zersplitterte, taktische und bastelnde Kreativität von Gruppen und Individuen annimmt, die heute von der 'Überwachung' [in Anführungszeichen! Anm. M. S.] betroffen sind" (KdH, 16). Für de Certeau ist es ausgemachte Sache, daß es "einer ganzen Gesellschaft gelingt, sich nicht darauf [auf das Überwachtwerden, Anm. M. S.] reduzieren zu lassen" (ibid.). Müsse man nicht eher – Foucaults analytische Klugheit nutzend und seine beängstigende Kohärenz umschiffend – den nicht-diskursiven Gestus offenlegen, der den Raum des Diskurses überhaupt erst eröffne (vgl. ibid., 107).


Zweiter Vorwurf: Kritik am Dogma des herrschenden Diskurses

De Certeau schätzt den Begriff des Diskurses nicht. Anders als der von ihm präferierte Terminus "Sprechakt" ist der Diskurs "die einzige Sache auf der Welt, die man ganz leicht einfangen, aufzeichnen, transportieren und an sicheren Orten behandeln kann" (KdH, 63), weil er scheinbar problemlos "von seinen Umständen losgelöst werden kann" (ibid.). Genau das aber zieht de Certeau in Zweifel. Im Einzelnen behauptet er:


Der Diskurs als Foucaults 'Ort des Eigenen': Foucaults Diskurs-Begriff lebt von der Verleugnung der eigenen Genealogie. Diese Genealogie aber sei der 'fiktive Ort' (KdH, 102), von dem aus Foucault seine eigene Argumentationsstrategie aufbaue.

Dieses Verdikt stimmt für Les Mots et les Choses/Die Ordnung der Dinge (1966), nicht aber für Surveiller et punir/Überwachen und Strafen (1975), in welcher der Terminus fast überhaupt nicht auftaucht und auch keine Wichtigkeit hat. Insbesondere in seinem Text über Nietzsche, 13 vier Jahre vor Überwachen und Strafen verfaßt, verteidigt Foucault ein genealogisches Vorgehen genau dort, wo es um die Aufdeckung von historischen Brüchen geht. Gegen den Begriff der Kontinuität versucht er die Macht des historisch "Zufälligen" in seiner Bedeutung für das Geschehen starkzumachen. 14 Das Minoritär- und Demütigt-Werden der Geschichtsschreibung dürfte sehr wohl auf der Linie des späteren de Certeau liegen. Foucault formuliert: "Thema dieses Buches ist eine Korrelationsgeschichte der modernen Seele und einer neuen Richtergewalt. Eine Genealogie des heutigen Wissenschafts-/Justiz-Komplexes, in welchem die Strafgewalt ihre Stützen, ihre Rechtfertigungen und ihre Regeln findet, ihre Wirkungen ausweitet und ihre ungeheure Einzigartigkeit maskiert" (ÜS, 33).


Falsche Dichotomie zwischen Ideologie und Machttechnik: Foucault arbeitet in seiner Analyse des 18. Jahrhunderts mit einer Dichotomie zwischen expliziten Reformprojekt und impliziten Disziplinarprozeduren. Doch existiert diese – von Foucault beklagte – Inkompartibilität zwischen herrschender (diskursiv geronnener) Ideologie einerseits und faktischen Prozeduren und Machttechniken wirklich? Besetzen und laugen die Prozeduren nicht die Ideologien aus (vgl. KdH, 106)? Sind letztere nicht längst Opfer eines "Vampirismus" (ibid., 111) der Praktik über die Theorie?

Foucault möchte der von de Certeau verteidigten "Denktradition" entsagen, in der "es Wissen nur dort geben kann, wo die Machtverhältnisse suspendiert sind" (ÜS, 39). Keineswegs könne sich Wissen nur "außerhalb der Befehle, Anforderungen und Interessen der Macht entfalten" (ibid., 39). Die "Verzahnung von Machtwirklichkeit und Wissensgegenstand" (ÜS, 42), bleibt "der Bezug Wahrheit/Macht im Herzen aller Strafmechanismen" (ÜS, 73). Dieser Verschränkung gilt Foucaults ausdrückliches Interesse in Überwachen und Strafen. (Seine offenkundige Trauer über die nicht durchsetzungsfähigen Reformjuristen hat vielmehr damit zu tun, daß er zeigen möchte, daß das Gefängnis als neuer Straftypus aus einer gewissen Unwahrscheinlichkeit heraus erwählt wurde, um den neuen Straftypus des Moderne zu verkörpern. 15) De Certeaus Problem verflüchtigt sich, wenn man den Begriff der Ideologie durch den des impliziten Wissens ersetzt. Denn genau um die Erurierung dieser neuen Art des immer schon praktisch seienden Wissens geht es Foucault in Überwachen und Strafen (vgl. ibid., 37). Die Auslaugung der herrschenden Ideologie durch gewisse ihnen entgegenarbeitende Praktiken würde Foucault unumwunden zugestehen.


Die falsche Kohärenz des Panoptismus: De Certeau bemängelt an Foucaults "retrospektiver Geschichtsschreibung" (KdH, 110) die Auswahl, die dieser unter all den beobachtbaren Praktiken trifft: Die Zuspitzung des disziplinatorischen Machtmodells, das in der Architektur des "Panoptismus" seinen sinnfälligsten Ausdruck erhält. Foucault laufe in die Falle der übergroßen und falschen "Kohärenz" seiner eigenen Darstellung, indem er sich nur mit dem historisch erfolgreichen Modell beschäftigte und darüber die Kraft der zunächst unerfolgreichen Praktiken vergesse, die nicht zugleich zum herrschenden Diskurs erhoben werden könnten.

Anders als die öffentliche Debatte um das Buch, entdeckt Überwachen und Strafen Benthams Panoptismus erst auf S. 224 (und führt ihn auf S. 256 dann fort). Das Buch selbst mißt dem Phänomen keineswegs so großes Gewicht bei, wie es de Certeau suggeriert. Wie schon erwähnt, bleibt es für Foucault überraschend, daß sich von allen Machtformen in weniger als zwanzig Jahren ausgerechnet das Gefängnis und der Freiheitsentzug als generelle Strafpraxis durchsetzt (vgl. ÜS, 148, 150, 151). 16 "[I]m System der Strafen" ist die Haft "keineswegs fest verankert" (ÜS, 151), zumal diese von den Zeitgenossen als bevorzugtes "Werkzeug des Despotismus" (ÜS, 153) und damit als Inbegriff der überkommenden Ständeordnung angesehen wird.

Als Erklärung für diese eher überraschende Wende greift Foucault auf die in Klöstern und im Militär entwickelten Disziplinierungstechniken zurück. Sie erst ermöglichen es, daß sich eine "ganz andere Physik der Macht" (ÜS, 149) und eine neue Form der Züchtigung entwickelt, die den menschlichen Körper zu besetzen anfängt. (Foucault spricht sogar von einer "Liturgie der Strafe" (ÜS, 65).) Die Zerstreuung der Macht, ihre Aufspaltung in eine regelrechte 'Mikrophysik', die Besetzung des Details ist tatsächlich eng gekoppelt mit der Entdeckung der Disziplin als neue Technologie (vgl. ÜS, 277). Auf ihr liegt das Gewicht, auf der Selbstzüchtigung, nicht auf dem Panoptismus. 17

Daß der Jesuit de Certeau gerade diese Genealogie der Mikrophysik aus dem Geist der Klöster wenig schätzen dürfte, liegt auf der Hand. Schwer als die etwas vordergründige Kritik an der vermeintlichen Erklärungsdominanz des Panoptismus wiegt deshalb de Certeaus These von der schleichenden Selbstentkräftung der herrschenden Praktiken im Zuge ihrer diskursiven Durchsetzung. Deren Machtverfall erklärt de Certeau zu einer natürlichen Folge des Prinzips von Veröffentlichung und Sichtbarmachung. Der 'Verrat' ihrer Klandestinität führt direkt zum viertem und letzten Kritikpunkt.


Die Falle der Sichtbarkeit. De Certeau bemängelt, das Foucault selbst in die 'Falle der Sichtbarkeit' (vgl. ÜS, 257) gerate, die er in Überwachen und Strafen ausmache als Umkehrung des Kerkerprinzips: "Das volle Licht und der Blick des Aufsehers erfassen besser als das Dunkel, das auch schützte" (ÜS, 257). "Kann man noch weiter gehen?" fragt de Certeau: "Ist nicht gerade die Tatsache, daß die Dispositive der Überwachung als Folge ihrer Expansion zu einem Untersuchungsgegenstand werden und daß sie somit zum Bestandteil der Sprache der Aufklärung werden, ein Zeichen dafür, daß sie aufhören, die diskursiven Institutionen zu bestimmen?" (KdH, 111).

Wenn diese Einschätzung de Certeau allgemein – und nicht nur in diesem speziellen Fall – wahr wäre, würde er damit nicht zugleich eine sehr düstere Einschätzung der Wirksamkeit seiner eigenen Studie liefern? Hieße daß nicht, daß der historische Moment, der die Thematisierung des Konsumenten ermögliche, zugleich seiner faktischen Depotenzierung gleichkäme?

Zur Verteidigung Foucaults ist zu sagen, daß Deleuze in seinem Foucault-Buch (1986) 18 eine minutiöse Aufdeckung der Dialektik des Sichtbaren (le visible) und des Sagbaren (l'énonçabel) geliefert hat. 19 Wenn die stimmt, gibt es für Foucault eine Überschüssigkeit des Sichtbaren, an die selbst das diskursive Primat des Sagbaren niemals heranzureichen vermag. 20 Insbesondere in seinem kleinen Text über "Ceci n'est pas une pipe" 21 zeigt Foucault am Beispiel einiger Arbeiten von René Magritte, daß dieses Verhältnis irreduzibel ist, weil die Besonderheit des Sichtbaren genau darin besteht, über zeitliche Simultaneitätsverhältnisse zu verfügen, die der klassischen Logik (die eine Logik des Sukzessiven ist) entgegenarbeitet.

De Certeau würde wohl entgegen, daß das Sichtbare der Inbegriff des 'Schon-Gesagten', es eigentlich immer schon im Diskurs aufgegangen ist, während es für Foucault gerade die Eigentümlichkeit besitzt, eine Virtualität zu sein, die sich niemals in actu sagen, ausdrücken und mit Bedeutung versehen läßt. Es ist genau dieses Konzept einer unauslotbaren, abgründigen Sichtbarkeit, deren List darin besteht, daß sie blendet und deshalb dazu verleitet, die in ihr divergierenden Momente zugunsten einer falschen Kohärenz zu übersehen. 22 Während Foucault also das Sichtbare als grundlegend vielschichtig und ambivalent begreift und in ihm die Möglichkeit zur Camouflage angelegt sieht (d. h. eine Logik des Übersehens, die weder sprachlich noch gedanklich einholbar ist), überwiegt für de Certeau die Einschätzung, daß (a) die grundlegende Dichotomie nicht zwischen Sagbarem und Sichtbarem, sondern zwischen Herrschaftsdiskurs und minoritären Praktiken verlaufe und (b) das grelle Licht des Herrschafts-Diskurses die Nuancen der ihm vorausgehenden Praktiken ausbleiche und fahl werden lasse. ('Wer gesehen wird, ist schon verloren', dieser Schlachtruf aus Überwachen und Strafen macht sich de Certeau bei aller Kritik an Foucault durchaus zu eigen.)


Welche Gründe könnten dafür verantwortlich sein, daß de Certeau und Foucault inhaltlich so weit auseinanderliegen, obwohl sie sich für ganz ähnliche Fragen interessieren?

Einige Spekulationen seien erlaubt: Sehr aufschlußreich für den Dissenz zwischen Foucault und De Certeau ist eine Analyse der Passage in Überwachen und Strafen über die Neubesetzung der Details, die großen "Hymne auf die 'kleinen Dinge'" (ÜS, 179), zuletzt das Einmünden einer "Mystik des Alltags" in eine regelrechte "Disziplin des Details" (ibid.). Hier zeigt sich, daß genau das, worauf de Certeau seine Hoffnungen setzt, 23 für Foucault der ideale Nährboden für das Ausbreiten der neuen überwachenden und uniformierenden Disziplinierungs-Techniken ist. Foucault vergißt nicht, in de Certeaus Richtung zu stacheln oder zu löcken, wenn er sagt: "Jedenfalls war das 'Detail' schon seit langem eine Kategorie der Theologie und der Askese: jedes Detail ist wichtig, weil in den Augen Gottes keine Unermeßlichkeit größer ist als ein Detail. Und weil nichts zu klein ist, als daß es nicht durch einen seiner einzelnen Willensentschlüsse gewollt worden wäre" (ÜS, 179). Auch die Macht und Kraft von Zeitlichkeit führt bei Foucault und de Certeau zu diametral entgegengesetzten Besetzungen. Das ganze Prinzip der Disziplinierung fußt für Foucault in einer durch und durch zeitlich strukturierten Ökonomie (vgl. ÜS, 198, 213, 218). Für de Certeau ist sie aber zugleich immer der Ort eines "faire de la perruque", eines Müßiggangs, der sich gerade nicht kontrollieren läßt.

Für sein produktives Mißverstehen Foucaults scheint es bei de Certeau aber neben der theologischen "Tradition der Erhabenheit des Details" (ÜS, 179) eine Reihe von weiteren, hiermit vernetzten Gründen zu geben. De Certeau ist gewissermaßen ein "körpervergessener" Denker, während Foucault ganzer Ansatz durch und durch körperlicher Natur ist. Selbst die Seele, die für de Certeau immer Refugium von Kreativität, Erfindungsreichtum und Widerständigkeit bleibt, wird in den Augen Foucaults zum möglichen "Korrelat einer Machttechnik" (ÜS, 129). 24

Für de Certeau bleibt diese Fixierung des mittleren Foucault auf Machttechniken immer verdächtig: Die Omnipräsenz von Macht, im großen wie im kleinen, könne man nicht untersuchen, – so de Certeaus Subtext –, wenn man ihrer Faszination nicht selbst erlegen sei. Die Widerstandskräfte der scheinbar Ohnmächtigen, der Macht und auch ihrer Mikrophysik Unterlegenden aber sind es, die de Certeaus Aufmerksamkeit haben.
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