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michel de certeau
Tagungsbericht von Joachim Valentin
erschienen in Orientierung (Zürich):

Certeau im Plural
Die zweite deutschsprachige Tagung zu Leben und Werk
des Jesuiten Michel de Certeau offenbart eine verblüffend
vielfältige internationale Rezeption.

Eigene Wege: Michel de Certeau und die Sprachen des Subjektiven. Geschichte – Kultur – Religion.
So lautete der Titel unter dem sich ein relativ kleiner Kreis amerikanischer, französischer, englischer, belgischer, österreichischer und deutscher Historiker, Psychoanalytiker und Theologen vom 18.-20. April im Tagungshaus der Katholischen Akademie in Berlin Mitte versammelt hatte, um erstmals über die Grenzen von Ländern und Disziplinen hinweg die Aktualität des seit 16 Jahren verstorbenen Franzosen zu erörtern.

Im einleitenden Referat seiner Nachlassverwalterin, der Wissenschaftshistorikerin Luce Giard (CNRS, Paris/University of Califonia, San Diego) wurde allen Anwesenden die chronologische und transdisziplinäre Kohärenz des Certeauschen Werkes ins Gedächtnis gerufen, die sich in den folgenden beiden Tagen zwischen cultural studies, Mikro-Histoire und theologischer Aneignung zeitweise aufzulösen drohte. Certeau hat in der Nachfolge Lacans und unter den speziellen nachkonziliaren (und nachrevolutionären) Bedingungen seiner wichtigsten Schaffensperiode zwischen 1968 und 1986 ein Denken des Anderen und Abwesenden in der Geschichte ausgearbeitet, dessen Ausbalancierung mit einem so provokativen wie im Kern affirmativen Institutionenbegriff spezifisch theologisch genannt werden kann.1

Doch das facettenreiche Werk macht andererseits auch Rezeptionssituationen möglich, welche an die indische Geschichte jener blinden Männern erinnern, die nach ausführlichem Betasten je eines Körperteils einen Elefanten beschreiben sollen: Dem Einen ist Certeau Theoretiker der Geschichtsschreibung in der Tradition der Micro-Histoire, dem Nächsten Psychoanalytiker Lacanscher Prägung, dem Dritten antihermeneutischer Dekonstruktivist, einem Andern Theologe einer radikalisierten Moderne. Wenngleich zukünftige Tagungen zu Michel de Certeau also wohl kaum um eine Unterteilung in verschiedene ‚Sektionen' herumkommen werden, die allein der fortschreitenden Rezeption eines genialisch zu nennenden dezidiert nicht systematischen Werkes gerecht werden könnte, so kann doch die Frage nach einer ‚Zentraltheorie' des Certeauschen Lektüreverfahrens nicht als völlig unsinnig abgewiesen werden, die sich um ein spezifisches Verhältnis von Andersheit und Einheit gruppiert und an verschiedene Entwicklungsstufen und Fragehorizonte je spezifisch anpaßt. Dies gilt, zumal sich die Notwendigkeit einer Übersetzung zwischen den verschiedenen Nachfolgediskursen auf dieser Tagung bereits deutlich abzeichnete.

Ansätze für ein solches Zusammendenken der verschiedenen ‚Michels' lieferten zunächst seine Zeitgenossen Jacques le Brun (Ècole pratique des hautes études, Paris) und Jean-Luis Schlegel (Èditions du Seuil, Paris). Jacques le Brun, der einleitend auf die wichtige Vorarbeit französische Historiker der Spiritualität für Certeaus Denken hinwies, stellte ein Konzept der Énonciation in den Mittelpunkt seiner Darstellung: Nur wo mystische Rede als jeweils singuläre Manifestation eines Abwesenden, Unsagbaren begriffen wird (und nicht als tradierbares Corpus von Doktrinen), tritt ihre innovative Kraft in den Vordergrund. Aus der Perspektive der Psychoanalyse impliziert diese ‚historiographische Operation' in der Tradition der französischen Freudrezeption eine Vorwegnahme des linguistic turn, also die Annahme einer fundamentalen, auch nicht mit wissenschaftlicher Methodik hintergehbarer Fiktionalität der Rede. Die Abwesenheit des jeweiligen Sujets als Ermöglichungsgrund der Arbeit des Theologen, Psychoanalytikers, Historiographen erscheint hier als ‚Organisationszentrum' des Certeauschen Denkens.

Jean-Luis Schlegel (Èditions du Seuil, Paris), deutsch-französischer Grenzgänger und bis heute hellwacher Beobachter der intellektuellen und geistlichen Szene, machte die Erosion des traditionellen Christentums unter den Bedingungen des typisch französischen Laizismus als Auslöser und Deutehorizont vor allem der stärker ekklesiologisch-zeitdiagnostischen Schriften Certeaus aus.2 Dabei erscheint das aktuelle Denken der Religion bei Levinas, Derrida und Marion in einer Linie mit Certeaus Intention, Grundstrukturen des Glaubens in gewandelter Gestalt auch in außerkirchlichen Kontexten wiederzuerkennen. Andererseits aber kann der zeitgenössische Mystikboom im Kontext der ‚Gebrauchsesoterik'im Spiegel von Certeaus Emphase des Sich-Verlierens als nur scheinbar christliche Technik der Selbstermächtigung entlarvt werden. Auch heute noch gelingt es also mit Certeau, dem man zu Recht eine anticipation permanente zuspricht, Eigenes im Fremden und die Fremdheit des scheinbar Ähnlichen auszumachen.

Mit Graham Ward (Professor for Contemporary Theology, Manchester) war einer der ambitioniertesten Vertreter einer zeitgenössischen (‚postmodernen') angelsächsischen Theologie als Referent gewonnen worden.3 Mit der Herausgabe eines Certeau Readers hatte er in Zusammenarbeit mit Ian Buchanan und Jeremy Ahearne, den Autoren der beiden englischsprachigen Certeau-Monographien 4 kürzlich Certeaus kleinere Schriften zugänglich gemacht.5 In einem v.a. theologiegeschichtlich prononcierten Beitrag las er Certeau als Schüler der großen Jesuitentheologen der nouvelle theologie Danielou, Chenu und de Lubac. Wenn Ward die Quelle für Certeaus "Theologie einer heiligen Andersheit Gottes" eher bei Karl Barth als bei Lacan vermutete, konnte zwar der Verdacht einer supranaturalistischen Engführung nicht ganz vermieden werden, insgesamt jedoch überzeugte Wards Unternehmen, die Wurzeln von Certeaus bisweilen geradezu talmudisch anmutenden Schriftbegriff in der Wiederentdeckung des vierfachen Schriftsinns und des Modells einer relecture der Schöpfung in den heiligen Schriften in der Theologie auszumachen. Das Lacansche Modell des Begehrens wußte Ward als Ferment einer (bei Certeau Fragment gebliebenen) christlichen Anthropologie unter Bedingungen der Moderne zu deuten. Nur mit solcherlei Brückenschlägen sei es Certeau gelungen, eine Exklusion der Theologie aus dem Kanon der Wissenschaften ebenso zu vermeiden wie das Abrutschen in einen Nihilismus, wie er in andern wirkmächtigen Theologiemodellen zu beobachten ist.6

Neben solchen eher synthetischen Blicken auf das Werk Certeaus offenbarte sich vor allem in einer Tagungseinheit bestehend aus elf 30-minütigen ‚Workshops' die Pluralität der Rezeption bei einer jüngeren Generation von Certeauforschern. Vor allem seine historiographische und alltagssoziologischen Schriften L'invention du quotidien7 und L'Écriture de l'histoire8 ermöglichen entschieden linguistische oder diskursanalytische Lektüren säkularen Charakters, wie die Beiträge Daniel Weidners (Linguistische, rhetorische und poetologische Modelle bei Certeau)9, Mirjiam Schaubs (Die Lust am Wildern und Fallenstellen. De Certeaus Taktik im Umgang mit Foucault und Bourdieu) oder des Certeau-Übersetzers Andreas Mayer10(Sauntering and Measuring. The Poetics and Mechanics of Walking) zeigten. Andere versuchten eine Brücke zwischen diesen Texten und Certeaus Reflexionen über die frühneuzeitliche Mystik zu schlagen. So die beiden Initiatoren der Tagung Georg Eickhoff in seinem Beitrag Mystik im 110. Stock: Michel de Certeau und das World Trade Center. Eine politische Betrachtung nach dem 11. September 2001 und Daniel Bogner 11(‚Glauben' als Modus sozialer Kommunikation. Einige Aspekte aus Certeaus späten Schriften). In einer Vielzahl von Diskussionsbeiträgen und ‚Seitengesprächen' deutet sich bereits an, dass die Wahrnehmung und Fruchtbarmachung des polyphponenen Theoriekonzeptes Michel de Certeaus in eine neue Phase getreten ist. Es besteht die Hoffnung, daß Certeaus eigenes wissenschaftstheoretisches Konzept eines multiperspektivischen Zugriffs auf die Wirklichkeit, der den spezifischen blinden Fleck der jeweiligen Disziplinen zu erhellen in der Lage sein soll, nun endlich auch bei seinen professionellen Lesern in Theologie, Geschichtswissenschaften, Linguistik und Psychoanalyse ankommt. Gerade der (systematischen) Theologie, in der Landschaft unserer Universitäten zunehmend isoliert, böte sich hier die Chance, aber auch die Herausforderung einer selbstbewußten und selbstkritischen Reformulierung ihrer eigenen methodischen Grundlagen zwischen zeitgenössischem Relativismus und dem Festhalten an einer theologisch-systematischen Fundierung. Dabei könnte ein von Certeau in detaillierter historischer Arbeit erhobener und für eine dezidiert systematische Reflexion offener Mystikbegriff im Mittelpunkt stehen, der der modischen Vereinahmung widerstehen dürfte.

So fand sich schließlich die kleine Gruppe von katholischen Wissenschaftlern, die seit einigen Jahren durch diverse Publikationen die Wahrnehmung und also zunächst die Übersetzung des umfangreichen Oeuvres betreibt12, am Ende der Tagung im Fokus einer jüngst erwachten multinationalen Aufmerksamkeit und in der Verantwortung, das auf der Tagung entstandene internationale Netzwerk zu organisieren. Eine erste Sammlung von Adressen und bibliographischen Daten soll sich demnächst unter www.certeau.de finden, eine nächste Tagung ist für das Jahr 2005 ins Auge gefasst. Auch die Zusammenarbeit mit dem Frankreichzentrum der Technischen Universität Berlin soll in Zukunft weitere Früchte tragen, vor allem, was die Publikation von Sammelbänden und die Übersetzung zumindest einiger weiterer Werke Certeaus ins Deutsche angeht.

Joachim Valentin, Freiburg

1 Vgl. eine nicht 'theologieverdächtige' Stimme: Marian Füssel: Geschichtsschreibung als Wissenschaft vom anderen. Michel de Certeau SJ. In: Storia della Storiagrafia, 39 (2001), 17-38 (Literatur!), 19.
2 Diese harren durchweg einer Übersetzung ins Deutsche: L'Etranger ou l'union dans la différence. Paris 1969, Le christianisme eclaté (avec Jean-Marie Domenach) Paris 1974, La faiblesse de croire, texte établi et présenté par Luce Giard. Paris 1987.
3 Barth, Derrida and the Language of Theology, Cambridge 1995; Theology and Contemporary Critical Theory (Studies in Literature and Religion) Basingstoke/New York 2000. The Blackwell Companion to Postmodern Theology. (Blackwell Companions to Religion) Oxford 2001.
4 Ian Buchanan: Michel de Certeau. Cultural Theorist. London 2000; Jeremy Ahearne: Michel de Certeau: Interpretation and its Other. Cambridge 1995.
5 The Certeau Reader. Ed. By Graham Ward. Oxford 2000. Die großen Monographien Certeaus sind bereits vor längerer Zeit ins Englische übersetzt worden.
6 Vgl. exemplarisch: M.C. Taylor: ERRING: A Postmodern A/Theologie. Chicago & London 1984 sowie John D. Caputo The Prayers and Tears of Jacques Derrida. Indiana 1997.
7 Deutsch: Die Kunst des Handelns. (übersetzt von Ronald Voullié) Merve Verlag, Berlin 1988.
8 Deutsch: Das Schreiben der Geschichte. (ohne den 3. – theologischen – Hauptteil übersetzt von Sylvia M. Schomburg-Scherff), Campus Verlag, Frankfurt a.M. 1991
9 Vgl. vom gleichen Autor: Lesen im Land des Anderen. Schriften von Michel de Certeau. In: Weimarer Beiträge 45 (1999) 112-120.
10 Theoretische Fiktionen. Geschichte und Psychoanalyse. (übersetzt von Andreas Mayer) Turia & Kant, Wien 1997.
11 Bogner ist Autor der bisher einzigen deutschsprachigen Monographie zu Certeau: Gebrochene Gegenwart. Mystik und Politik bei Michel de Certeau. Mainz 2002.
12 Joachim Valentin: Schreiben aufgrund eines Mangels. Zu Leben und Werk von Michel de Certeau SJ. In: Orientierung 61 (1997), 123-128; Ders.: Michel de Certeau: Historiker oder Philosoph? Notizen zu einer Tagung der Akademie der Diözese Rottenburg-Stuttgart im Oktober 1998. In: ORIENTIERUNG 62 (1998), 238-240. Johannes Hoff: Erosion der Gottesrede und christlichen Spiritualität. Antworten von Michel Foucault und Michel de Certeau im Vergleich (3 Teile), in: ORIENTIERUNG 63 (1999), 116-119, 130-132, 135-137; Daniel Bogner: Zukunftsfähig oder ortlos? Der religiös-politische Bruch als Ausgangsbedingung für heutiges Christentum nach Michel de Certeau. In: Orientierung 64 (2000) 15-20; Georg Eickhoff: Geschichte und Mystik bei Michel de Certeau. In: Stimmen der Zeit 126 (2001) 248-260.


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